FellnasenBande
Ballengeschwür

 
WICHTIG!: nie so eine Behandlung in Eigenregie durchführen, das kann tödlich enden!
1.Tag = Ankunft  bis 12.Tag

Sam ist ein 20 Monate alter Rattenbock; er ist zwar recht groß, dennoch hat er mit 850g zuviel auf
seinen Rippen.  Am Tag, als er aus Wuppertal (Essen) hier ankam, wurde er sofort dem TA vergestellt.
Sein Immunsystem ist etwas angegriffen, er hatte/hat einen Milbenbefall, stark verdreckte Ohren und ein
Ballengeschwür an einer hinteren Pfote.  Zudem schien schon am 1.Tag etwas mit ihm nicht zu stimmen
(Kopfmäßig), was aber schwer bei unbekannten Ratten zubeurteilen ist. Ich hatte ein ungutes Gefühl,
weshalb ich auch keine Integration begonnen habe.

Nun zum Ballengeschwür:

Das Ballengeschwür ist recht ausgeprägt und entzündet. Es ist schon zum "wilden Fleisch" gekommen.
Man versteht darunter das bei Geschwüren und eiternden Wunden auftretende Neugebilde, sobald es einen
schwammigen Charakter annimmt und in übermäßiger Weise wuchernd über das Niveau der Hautoberfläche
hinauswächst. Es ist gewöhnlich sehr weich, der abgesonderte Eiter schleimig und zäh. Die häufigste
Veranlassung zur Entwicklung des wilden Fleisches ist irgendein örtliches Hindernis, das der Überhäutung
der Wunde entgegensteht. http://www.physiologus.de/fleisch-w.htm

Aus welchem Grund dies nun bei Sam aufgetreten ist, kann ich nicht zurückvollziehen, da ich seine
Geschichte nicht kenne. Es könnte eine Fehlstellung des Bewegungsaparates sein, wodurch er seinen
Fuß nicht richtig belastet...durch das Körpergewicht wird durch die Fehlbelastung der Druck noch
ungünstiger ausgeübt. Oder auch eine unbehandelte Verletzung.

Das Gehen ist das Resultat aus einem komplexen Zusammenspiel des Bewegungsapparates, also dem
Skelettsystem mit seinen Anteilen bestehend aus Knochen, Gelenken, Sehnen, Bändern, der dazu gehörigen
Muskulatur und des steuernden Nervensystems. http://miami.uni-muenster.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-1234/Dr_Beckmann_org.pdf
Das heisst, wenn eines davon "nicht richtig abläuft", können Folgen auftreten wie z.B. in Form von Druckstellen.
Wird die entstehende Druckstelle nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, kommt es im weiteren Verlauf
zum Druckgeschwür, welches stark entarten kann. Dieses ist bei Sam der Fall.
Ein Druckgeschwür ist eine durch länger anhaltenden Druck entstandene Schädigung der Haut und des
darunter liegenden Gewebes. Der Druck verhindert die Blutversorgung und damit die Ernährung des
Gewebes.
Die Wunde wurde gereinigt. Dann kam Lotagen auf die Wunde und der Fuß + das Bein wurden gut
abgepolstert verbunden. Bei der Salbe handelt es sich um den Wirkstoff Policresulen.
Salbeneigenschaften :
- eiweissfällend, bakterizid, greift intaktes Gewebe nicht an
- geschädigtes oder abgestorbenes Gewebe wird demarkiert und abgestossen
- auf nekrotisches Gewebe wirkt es koagulierend und verschorfend
- wundsäubernden Eigenschaften
- selektive Effekt auf pathologisch verändertes Gewebe
- hämostyptischen Eigenschaften
- durch eine lokale Hyperämie wird die Granulation stark angeregt

Der Verband wird alle 2 Tage gewechselt und wird von Sam ohne weiteres akzeptiert. Auch kann er
damit gut laufen, er behindert ihn nicht.

Trotzdem sollte der Sitz des Verbandes mehrmals täglich kontrolliert werden,
um Abschnürungen
rechtzeitig zu erkennen!
Es wird durch Salben-Verbände versucht, den Vorgang des wilden Fleisches zu stoppen und auch
die Bakterien lokal zu bekämpfen. Zusätzlich bekommt er ein Antibiotikum, Cortison (welches innerhalb
1-2 Wochen komplett ausgeschlichen wird) und später ein Schmerzmittel (falls die Ursache eine
Fehlbelastung ist).

1.Tag
hier sieht man das "wilde Fleisch"

1.Tag

4.Tag: ->

sehr schön zu erkennen, dass das wilde Fleisch
reduziert wurde


6.Tag: Pfeil: Austrittskanal v.Eiterherd

8.Tag

10.Tag

12.Tag

Video: die ersten Schritte beim Freilauf mit Verband


   
Die Behandlung einer solchen Wunde ist äußerst schwierig und meistens sehr langwierig.
Bei Sam war im Ballen schon eine eitrige Entzündung vorhanden, wo sich eine kleine Fistel nach aussen bis
zum 4.Tag gebildet hat. Als Fistel bezeichnet man in diesem Falle einen Gang, der vom tiefer liegenden
Krankheitsherd an die Oberfläche führt. Wenn dieser Krankheitsherd nicht entfernt wird, bricht der Fistelgang
immer wieder auf oder aber auch an anderer Stelle. Diese eitrige Entzündung im Ballen wird eine Folge
vom offenen Ballengeschwür sein (Schmutz und Bakterien konnten bei diesem unbehandleten Zustand vorher
immer in die Wunde eindringen).
Die Gefahr einer Superinfektion im Sinne einer mikrobakteriellen Besiedlung
ist besonders
hoch und erfordert lokale Wundbehandlung mit antibiotischen und eigentlich chirurgischen
Maßnahmen. Dieses ist aber hier nicht möglich, da keine Haut zum Vernähen vorhanden ist.

Ab dem 6.Tag kommt nun Fuciderm-Gel auf die Wunde.
Gel-Eigenschaften:
Fusidinsäure ist wirksam gegen Staphylokokken und weist zudem ein sehr niedriges Allergisierungspotential
auf. Betamethason wirkt entzündungshemmend und lindert den Juckreiz.


Bis zum 12.Tag schien alles bestens zu verheilen, die Wunde wurde immer kleiner.
Dann jedoch meldete sich der Entzündungsherd im Ballen zurück.  FOTOS-Verlauf
Innerhalb eines Tages wurde Ballen und Gelenk dick, verfärbte sich lila. Der Austrittskanal war diesmal auf der
anderen Seite. Es kam viel reifer Eiter mit Blut vermischt heraus. Zurück bliebt ein großes, in die Tiefe gehendes,
Loch.


Man muss damit rechnen, dass der Verband lange getragen werden muß. Selbst wenn die Wunde gut verheilt,
ist die Ursache meist nicht behoben und der Ratz wird ohne Verband auf Dauer wieder ein Druckgeschwür
entwickeln, s.d. schon bei kleinsten Veränderungen beim Fuß wieder ein Polsterverband angelegt werden sollte.



Fazit:
sobald man merkt, dass die Ratte nicht mehr normal läuft (erkennbar schon bei leichter Fehlstellung der Füsse),
muß untersucht werden, warum dies so ist. und sofort gehandelt werden.
Durch diese anfängliche Fehlstellung wird der Fuß nun anders belastet, d.h., der Druck vom Rattengewicht liegt
auf einer Fußstelle, die dafür nicht vorgesehen ist und diesen auch nicht lange aushält. Es entsteht eine leichte
Druckstelle, die, wenn die Ursache nicht behoben wird, zum Druckgeschwür ausarten kann. Es entsteht eine
offene Wunde, auf die der Ratz nun laufen muß und auch wird. Die Schmerzen sollte sich jeder vorstellen
können. Abgesehen von den Schmerzen kommen Infektionen auf den Ratz zu. Da die Wunde immer offen ist,
bleibt es nicht aus, dass Bakterien in die Wunde gelangen. Diese Dauerentzündung/Infektion richtet im ganzen
Körper Schaden an. Die Bakterien können wandern und Organe schädigen (Herz, Niere, Leber, Gehirn usw...
und eben auch Knochen).  Dieses wird man nie wieder "gutmachen" können.
Und ich kann nur jedem dringens raten, rechtzeitig ein entsprechendes Antibiotikum (wie Clindamycin) zu
verabreichen und auch ein Röntgenfoto machen zu lassen, wenn man einen Ratz mit Ballengeschwür bekommen
hat und die Vorbeugung leider zu spät kommt.

Wenn es zu einer Entzündung der Knochen gekommen ist und man mit AB nicht die Erreger 
befriedigend
eliminieren kann, wäre eine Amputation eine Möglichkeit, den Vorgang
rechtszeitig zu stoppen, bevor sich die
Erreger auch im restl. Körper ausbreiten und
Schäden anrichten
:
Ist nur ein Körperglied betroffen und kann man davon ausgehen, dass die Erreger sich noch nicht im Körper
ausgebreitet haben, könnte man, wenn die Ratte sonst "ok" ist, an eine Amputation denken.
Gerade Amputationen sind aber nicht ohne. Sie sind als
hoch schmerzhaft eingestuft, man muß mit
Phantomschmerzen (bei 25% bleibend), Stumpfschmerzen akut postoperativ aber auch 60% chronisch rechnen.
Empfehlung: möglichst während der OP mit der Schmerztherapie beginnen und mindest. die nächsten 10 Tage folgend. Schmerzmittelwahl sollte schon eines sein, welches solche Schmerzen auch wirklich eindämmen kann.
Ich wüßte persönlich aber nicht, ob ich eine Amputation der Erlösung bevorzugen würde, das wird man von
Fall zu Fall immer neu beurteilen müssen.
(Quelle: http://www.gv-solas.de/auss/ana/schmerzen.pdf)

Ganz stark sollte man hier daran denken, dass Ratten sehr wohl Schmerzen haben werden, auch wenn man
es ihnen nicht immer anmerkt!


Sam hat verloren :-( ...hier folgen noch Fotos und Obduktionsbericht.
Ich bin traurig, frustriert und sauer. Man hätte frühzeitig reagieren müssen.
Seine ZNS-Symptomatik (ich hoffe auf die Obduktion) war vom 1.Tag an erkennbar und wurde täglich stärker.
Er war nicht mehr fähig, festes Futter zu fressen und auch Brei verstand er nicht mehr richtig zu schlabbern.
Seine Pupillen reagierten nicht, was evtl die Erklärung dafür war, dass er schon am 1.Tag extrem schreckhaft
war und nicht so schnell was mitbekommen hat (dachte aber eher da ans schlechte Hören).

Obduktionsbefund (kurz das wichtigste zusammengefasst):
° hochgradige, chronische, eitrige Osteomyelitis (Knochenentzündung) und Myositis (entzündliche Erkrankung
  der Skelettmuskulatur)
° korrespondierend dazu eine hochgradige, chronische, lympho-plasmazelluläre Lymphadenitis (Lymphknoten-
  entzündung)
° hochgradige, chronisch-eitrige Pneumonie
° Lungenadenom
° Fibrose im Ventrikelmyokard
° Hypophysenadenom
° Tupferprobe von der Fußpunktion : Fusobacterium nucleatum


Knochenauflösung im fortgeschrittenen Stadium


Andere Option einer Behandlung:
Wenn diese Behandlung nicht erfolgreich sein sollte, wird das Ballengeschwür evtl. mit FN2 behandelt.
Hierbei handelt es sich um eine Vereisung mit Flüssigstickstoff.
Bei der sogenannten Kryo-Therapie
durch die gezielte örtliche Behandlung mit Kältestäben oder Sonden, die durch Flüssigstickstoff bis auf
 -196°C abgekühlt sind, kommt es für einige Sekunden zu einem raschen Gefrieren der krankhaften Zellen
und deren lokaler Abtötung. Aber auch hier gilt er erfolgreicher Behandlung, dass die Ursache meist nicht
behoben ist und alles wieder von vorne anfangen kann.




                                   Stand Juni' 06


 
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