Verhaltensänderung, Ataxie usw
Alter & Herkunft der Ratte: 10 Wochen alter (später kastrierter) Rattenbock aus einem Notfall

Mitsch
erste Auffälligkeiten: 
Im Alter von 20 Monaten fiel mir eine fast kaum wahrnehmbare Wesensänderung auf, welche aber nicht dauerhaft, sondern 1-2* im Monat auftrat:
° vorgewölbte Augen
° Hyperaktivität
° teilweise gesteigerte Aggression, plötzliche Reizbarkeit
° Schreckhaftigkeit (er wirkte ab da "blind")
° gestörtes Fressverhalten, wirkt wie ausgehungert = Zuckersüchtig, dass es einige Male zum Verschlucken  kam;
   dieses gierige, unkontrollierte Verhalten stoppte erst, wenn er zuckerhaltige Nahrung bekam.
° z.T. stressbedingte (?) Inkontinez, war deutlich zu sehen, er war dann im Schambereich immer nass und wenn er es bemerkte, säuberte er sich
° er hatte ein gestörtes Empfinden für Gefahren
           Beim Tierarzt wurde konnte nichts festgestellt werden.
           Der Blutzucker wurde sicherheitshalber auch bestimmt: 114mg/dl (eigentlich im Normbereich, jedoch hatte er beim Tierarzt sehr großen Stress
           was sich auf den Zuckerwert durch dessen Erhöhung auswirken kann...er hätte theoret. also auch unterzuckert sein können).

Im Alter von 23 Monaten traten dann die ersten wirklich sichtbaren neurologischen Symptome auf:
° Ataxie / Gangstörung, welche zuerst in den Hinterbeinen auftrat
Der Gang war unsicher und die Hinterbeine wirkten kraftloser. Beim Laufen von Wendungen machte sich die Bewegungsstörung deutlicher.
Sein Bewusstsein war hier  (im Gegensatz zu differentialdiagnostisch relevanten, entzündlichen Prozessen wie Enzephalitis, Meningitis)  ungestört.
   
   nach 4 Tagen:                  man beachte die Pfotenstellung                                                 gerade beim Laufen von Wendungen wurde die Gangunsicherheit sichtbar
           Beim Tierarzt wurden u.a. die Haltungs- und Stellungsreaktionen geprüft:
           bei der Korrekturreaktion (neurologischer Test in der Veterinärmedizin) wurden einzeln die Pfoten in Beugestellung  gebracht, so dass sie
           mit dem Vorder- bzw. Hinterpfotenrücken auf den Boden aufsetzten. (Diese Stellung wird auch als „Überköten“ bezeichnet.
           Ein neurologisch gesundes Tier korrigiert die Fußstellung innerhalb einer halben Sekunde.)

           Bei Mitsch waren die Reaktionen herabgesetzt / verzögert, welches auf Nervenschädigungen im Bereich des Rückenmarks und/oder Kleinhirns
           hindeutete und schon Schlimmes ahnen lies.
           Blutuntersuchung auf 3 Werte:
                                             Kreatinin <0,5 mg/dl      (Normwert 0,2-0,8 mg/dl)
                                             GPT 51,2 U/l                  (Normwert 17,5-30 U/l)
                                             Glukose 252 mg/dl         (Normwerte ohne Stresseinflüsse bis 135 mg/dl, Stress kann bis zum 2fachen Wert erhöhen)
           Auch wurde er geröngt, aber ohne weiteren Befund:



Es deutete alles auf eine Schädigung des Kleinhirns und/oder Rückenmarks hin und leider wurde innerhalb von 10 Tagen nach dem ersten
Anzeichen einer Ataxie sein Zustand immer schlechter. Die Lähmung "kroch" sozusagen von hinten nach vorne. Am 12. Tag konnte er sich
kaum noch bewegen, geschweige denn vernünftig fressen....es blieb nur eines, ihn zu erlösen.
Video (am 8 Tag enstanden:  trotz der fortschreitenden Lähmung/Schwäche kam er noch alleine gut zurecht)

Es kommen hier verschiedenen Ursachen in Betracht, wie Virus (z.B. Borna-Virus), Vergiftungen (z.B. Quecksilber), Multiple Sklerose oder
Hirntumore usw.
Da es mich doch sehr interessierte, was zu diesem Krankheitsverluaf geführt haben könnte, wurde direkt nach dem Einschläfern Blut mittels
einer Herzpunktion und steriler Urin mittels einer Blasenpunktion genommen und zur Untersuchung auf Borna-Virus eingschickt (UNI Giessen).
Der Körper wurde in ein anderes Institut zur Obduktion gegeben.

Virologischer Befund:
Antikörper gegen Virus der Borna'schen Krankheit (BDV) waren in der indirekten Immunfluoreszenz nicht nachweisbar <1:5

Obduktionsbefund:
Sektion lass ich hier weg
Bei der histologischen Untersuchung fand sich im Gehirn und Rückenmark ein nicht eindeutig klassifizierbares, invasiv wachsendes, malignes
Blastom. In der Lunge lagen eine hochgradige, akute Stauungshyperämie, ein mittelgradiges, alveoläres Ödem und eine gering- bis mittelgradige,
multifokale, subintimale Verkalkung arterieller Gefäße vor. Die Leber zeigte eine gering- bis mittelgradige, gemischttropfige, geringgradige
peripher akzentuierte Verfettung sowie eine geringgradige Anisokaryose der Hepatozyten. In der Niere lag eine fokal, chronische, interstitielle,
lymphozytär-plasmazelluläre Nephritis vor. In der Milz fand sich eine mittelgradige, akute Stauungshyperämie. Haut, Herz, Dünndarm, Dickdarm
und Hypophyse waren ohne besonderen Befund.
Beurteilung: die Erkrankungsursache des euthanasierten Tieres besteht in einem nicht eindeutig klassifizierbaren, invasiv wachsenden, malignen
Blastom in Gehirn und Rückenmark. Aufgrund des Fehlens von Tumorzellen in anderen Organen ist von einer primär intrakraniellen Neoplasie
auszugehen. Sichere Hinweise auf infektiöse Erkrankungen haben sich nicht ergeben.

Hier kommt in den nächsten Tagen noch die immunhistologische Differenzierung der Tumorzellen


Bedanken tue ich mich hier für die Hilfe/Unterstützung beim Institut für Virologie im Fachbereich Veterinärmedizin der Justus-Liebig-Uni Giessen!
Und sowieso bei meiner Tierärztin Frau Gercke, die mich in all meinen Querdenkereien unterstützt und immer ein Ohr für mich hat, ganz ausser
Frage steht ihr medizinisches Können :-)

Und dieses Bild hat eine Freundin für mich gemalt, darüber habe ich mich sehr gefreut, Danke Ola!